Am 2. November 2002, nach mehreren Jahren totaler Abwesenheit (d.h. nicht nur physisch, sondern auch gefühlsmässig), bin ich mit zwei junge Kätzinnen an die Ausstellung in Neuhausen gefahren. Schon am Freitag habe ich etwas Komisches im Magen gefühlt; was soll das eigentlich, was brauche ich dazu, sind die Tiere OK, haben sie überhaupt die nötigen Impfungen. Ja, was für mich während 13 Jahren beinahe wöchentliches Geschehen war, schien mir jetzt eine absurde sinnlose zeitraubende und stressige Angelegenheit. Seitdem ich mit Züchten und Ausstellen vor ca. 5 Jahren aufgehört habe, ist das Wort "Katze" für mich ein Synonym von freilaufenden glücklichen Geschöpfe, die einem enorm viel Freude bereiten. Kurz gesagt: pets.
Na ja, da war aber der Hauskater im oberen Geschoss, der an Altersschwäche gestorben war, und meine Nachbarin, den Norwegern auf dem Geschmack gekommen, die eben so eine Waldkatze und nur so eine wollte.
Also fuhren wir zusammen ins Tessin, nach Süden (!) , um eine schöne Norwegische Waldkatze abzuholen. Schicksal wollte, dass es 5 drollige Büsis waren, die vor unseren Augen mit Vollgenuss zusammenspielten, und dass wir keinen Mut hatten, einen einzigen Jungen mitzunehmen, um ihn in unserem Katzenaltersheim willkommen zu heissen. So wurden aus eine eben zwei, die mitkamen, und die Nummer 2 kam zu mir. Man gebe einem langjährigen Züchter kein Jungtier, ohne dass er (oder sie) merkwürdige Ideen zusammenbastelt und die guten Vorsätze über dem Haufen rührt! Das Virus ist nämlich auch nach Jahren noch gefährlich. Das ist der Grund, wieso ich nach so langer Zeit wieder an einer Ausstellung war. Am Tag danach fühlte ich mich, als ob ich einen Marathon gelaufen wäre (Füsse), als ob ich vor 500 Zuschauer eine 4-stündige Rede gehalten hätte (Stimme), als ob ich übers Wochenende eine 4-Zimmer-Wohnung gezügelt hätte (allgemeinen Zustand); Ich meine, völlig K.O.
K.O. aber glücklich, wieder dabei zu sein.
Während der Ausstellung kamen mir alle unmögliche Zwischenfälle in Sinn, die ich während 57 Ausstellungen erlebt habe, und davon möchte ich hier ein Paar erzählen.
Ort des Geschehens: Palazzetto dello Sport in Varese; drin und draussen die typischen italienischen Verhältnisse: rennende Kinder, Leute mit überlauter Stimme, totalen Verkehrschaos, hupende Fiats undsoweiter.
Die gute Biggi, völlig locker da an Ausstellungen gewohnt, will kurz aus dem offenen Käfig, um auf meinem Schoss ein bisschen zu schmusen. Fataler Fehler. Ein Zuschauer beobachtet den Vorfall und, mit guten Absichten, will das Schlimmste verhindern, indem er mit schreien anfängt: "il gatto, il gattooo, è scappatoooooooo" (die Katze ist ab). Die arme Biggi, an solchen lauten Ausbrüchen nicht gewohnt, ahnt das Ende der Welt und flüchtet blitzartig die Treppen hoch, gefolgt von einer Schar schreienden Kindern und Erwachsenen, die (oh Gott) sie einfangen wollen. Endgültig überzeugt, die Legende von den katzenfressenden Italiener sei eben doch keine Legende, springt sie mit einem lebensrettenden Sprung aus dem Fenster (natürlich offen) und verkriecht sich auf einem Balken hinter einer Säule der modernen Konstruktion, etwa auf der Höhe eines 2. Stockes, und unter ihr eben Italien: Menschen, Autos, Vespas, na ja ihr weißt schon. Keine Vitamintablette, kein von einem besonders netten Mann gebrachten Stück bestes Fleisch nutzte etwas. Biggi war da oben, fest entschlossen, ihre Haut teuer zu verkaufen. Allgemeine Verwirrung, dann wollte jemand die Feuerwehr holen und jemand anderer erklärte sich bereit, mit einer wackligen Leiter das Tier zu holen. Notabene ich leide unter Schwindelanfälle, aber meine Biggi hätte ich unter diesen Umständen nicht mehr heimgebracht; so bin ich höchstpersönlich diese wahnsinnige Leiter hochgeklettert, mich krampfartig an das Holz klammernd. Als Biggi mich sah, purrte sie und kam auf meine Schulter. Nun musste ich aber wieder runter, nur mit der linken Hand, weil die rechte Hand Biggi festhielt. Irgendwie kam ich auf die Strasse wieder, und eine Frau lud mich in die nächsten Bar zu einem Cognac, während eine andere mir Milch brachte (!) weil ich scheinbar leichenbleich war. Na ja, da war die Biggi wieder im Käfig, aber inzwischen hatte die Wahl der Best in Show angefangen und mein roter Santana hatte einen riesigen Pokal gewonnen – und ich erinnere mich, dass ich wegen meiner Hochkletterei so zitterte, dass ich den Pokal mitsamt Deckel fallen liess, vor allen Zuschauer, und der Deckel rollte und rollte, runter von der Bühne, und ich war so froh, meine Biggi gerettet zu haben ......
Die italienischen Ausstellungen waren in alten Zeiten einmalig. Riesige Hallen, Tausende von Zuschauer, mehrere Speakers, die die Menschenmasse bei der Best so richtig aufheizten, TV und Fotografen und Interviews und Reporters und Blitzlicht und Kostümshows mit passender Katze. Eine italienische Show wie es sich gehört. Und dazu noch die "Amici dei Gatti" , eine Clique von Ausstellern, die nebst den Katzen auch den guten Wein und die gute Küche liebten und bei jeder Ausstellung ein Festmahl für Gleichgesinnte organisierten. Eine Freude, so eine Ausstellung. Deswegen fuhren Nelly und ich gerne nach Italien. Einmal in Jahr war einer von diesen Riesenanlässe in Erba, und wir waren zwei Mal dabei.
Damals gab es als Neuheiten ein paar weisse Norweger, die alle aus einer berühmten dänischen Zucht stammten. Mein weisser Dino konkurrierte damals gegen einen Cousin, ebenfalls weiss und enorm, der einem Doktor (?) gehörte. Der Herr Doktor wollte von mir unbedingt wissen, was ich von seinem Weissbär hielt, stellte ihn auf einem Stuhl und schaute ruhig zu, wie das Monster ohne Vorwarnung auf mich sprang und sich mit den Zähnen in meinem rechten Arm hineinbiss. Der Herr hatte sicher nicht in "Verhalten des Besitzers eines Katers" doktoriert, er war schlechthin ratlos während ich mich von lautem Schreck vom Stuhl entfernte, jedoch mit obengenanntem Kater an meinem Arm hängend. Kurz: andere Züchterin rettet mich, ich werde zuerst zu den Sanitätern, dann mit Ambulanz ins Spital verbracht, bekomme einige Spritzen und den Arm fest eingebunden. Der Kater beisst nachher noch die Richterin spitalreif und wird lebenslänglich mitsamt Doktor disqualifiziert. Am Abend hat Nelly ein nettes Hotel auf einem Hügel für uns reserviert und ich fahre mit unbrauchbarem rechtem Arm, sprich nur mit dem linken, die wunderschöne kurvenreiche Strasse hinauf bis zum Hotel; Nelly geht in die Hotelbar, holt einige nette männliche Helfer, die unsere unzählige Katzenboxen und Koffer bis ins Zimmer schleppen. Und am nächsten Tag fahre ich in dem selben Zustand bis nach Winterthur, wo ich dann einen Gips für 10 Tagen bekomme.
Na ja, eine Geschichte wie viele andere, wäre nicht die zweite Ausstellung in Erba ein Jahr später.
Nochmals mit Nelly und vielen Katzen ab nach Erba. Der Valentino, potenter Kater von Nelly, macht Pipi in der Box. Ich helfe ihr in der Toilette und wir waschen so gut wie es geht den stinkenden Kater. Kurz darauf will ich meinen Dino (ja sicher, ein weisses Monster von 9 kg) aus dem Käfig holen und alles passiert blitzschnell: Dino meint, ein stinkender Kater steht hinter ihm (meine Kleider?), dreht sich und packt zu, bevor er mich erkannt. Erneut zwei tiefe Löcher in meinem rechten Arm, ich werde zuerst zu den Sanitätern, dann mit Ambulanz ins gleiche Spital verbracht, bekomme die gleichen Spritzen und den Arm fest eingebunden. Am Abend hat Nelly das gleiche nette Hotel auf dem Hügel für uns reserviert und ich fahre zum zweiten Mal mit unbrauchbarem rechtem Arm, sprich nur mit dem linken, die wunderschöne kurvenreiche Strasse hinauf bis zum gleichen Hotel; Nelly geht in die Hotelbar, holt einige nette männliche Helfer, die unsere unzählige Katzenboxen und Koffer bis ins Zimmer schleppen. Was denken wohl die Hotelbesitzer – es sei ein Trick? - Und am nächsten Tag fahre ich in dem selben Zustand bis nach Winterthur, wo ich dann einen gleichen Gips für 10 Tagen bekomme. Nach Erba sind wir nicht mehr gefahren.
Niemand glaubte mir, dass ich den Dino – und alle andere – nie badete. Ohne Zwischenfälle war das gar nicht nötig; Weisse Katzen wissen, wie sie weiss bleiben oder wieder werden. Vorausgesetzt, sie haben die nötige Zeit dazu.
Als ich mit meinem schneeweissen Kater nach Hamburg zu einer Norweger Spezialshow mit dem Nachtzug fuhr, hatte ich alles dabei, ausser ein portables Badezimmer. Die Wagon-Lits-Gesellschaft hat dabei schlechte Noten bekommen. Dino verbrachte die Nacht frei herumlaufend in der Schlafabteilung – und putzte sie entsetzt bis ins Detail – zum Beispiel unter den Sitzen. Morgens um 7 Uhr fuhr ich in Hamburg ein – mit einem grauen Norweger. Und da diese Farbe bei den NFO unbekannt war, verpasste Dino alle Gewinnchancen. Er brauchte zwar zwei Tagen, aber als wir wieder zu Hause waren, war er wieder schneeweiss.
Bei den drei weissen Kätzchen von Nelly wurde dagegen das Shampoo unerlässlich. Sie übernachtete bei mir, und ihre Katzen wurden in einem Mansardenzimmer einquartiert. Als wir am nächsten Morgen, spät wie immer, die Katzen in die Boxen tun wollten, war keine mehr da. Mutter und vier Jungen, spurlos verschwunden. Nach einer guten Zeit verstand ich, dass das unmöglich Gemeintes passiert war: oben beim Fenster gab es eine winzige Öffnung, die unter die Ziegel führte. Wie die fünf dadurch kamen, bleibt rätselhaft. Da waren also die Kitten mit ihrer Mama unter dem Dach, wir sahen nur weit entfernt zwei leuchtende Augen, und keine Vitamintablette konnte sie herauslocken. Fest überzeugt, sie könnten sich nicht drehen und herauskommen, rief ich die Feuerwehr an, in der Meinung, man müsse die Ziegel entfernen, um die Büsis zu befreien. Dann plötzlich kam doch ein Kätzchen heraus, und langsam langsam auch die anderen. Die drei weisse waren natürlich schwarz. Ich holte Leuten aus dem Bett und wir steckten die Kleinen in die Badewanne. Unglaublich, aber wahr: ein paar Stunden später standen sie – in strahlendem Weiss – auf der Bühne als "Bester Wurf".